Katharina Farwick-Brückhändler
 

Interview

Katharina Farwick-Brückhändler, Landschaftsökologin und Waldlehrerin

 

Ich bin als Waldlehrerin in der Waldschule Cappenberg tätig und habe dort zwei Arbeitsbereiche. Zum einen kümmere ich mich um die Entwicklung von Programmen mit dem Schwerpunkt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Zum anderen arbeite ich mit Gruppen – aus den umliegenden Schulen und Kindergärten sowie bei Kindergeburtstagen.

Natürlich stehen bei Geburtstagen das Geburtstagskind, die Familie und die Zusammengehörigkeit im Vordergrund. Es kann aber auch sehr viel Spaß machen, dabei beiläufig etwas über die Natur mitzubekommen. Zum Beispiel begeistert mich bei den “Hexengeburtstagen“ den Kindern als kleines Geheimnis mitgeben, wie man Brennnesseln anfassen kann, ohne sich weh zu tun und dass sie eine wilde Futter- und Nahrungspflanze ist, die auch zur Pflanzenwelt gehört. Und plötzlich hat kein Kind mehr Angst vor dem Brennnesselblatt. Auch besonders schön ist, wenn Kinder Pflanzen, wie das Klettenlabkraut, als kleinen Spielkameraden entdecken. Kinder haben das Staunen noch nicht verlernt und deswegen kann man sie auch für Pflanzen begeistern, obwohl die keinen Laut von sich geben.

In unseren BNE-Bildungsprogrammen verknüpfen wir das Problembewusstsein mit Begeisterung und Handlungs-möglichkeiten für die Zukunft.

Den BNE Schwerpunkt möchte ich ausgehend vom Wald in Richtung Globales Lernen ausweiten: Wie sieht es denn in anderen Wäldern auf dem Globus aus? Wie nutzen ihn die Menschen und welche Verbindungen gibt es zu unserem Leben? Wir leben in einer globalisierten Welt, wir können Produkte aus allen möglichen Ländern hier kaufen, wir begegnen Menschen anderer Nationen, wir sind unterschiedlich vom Klimawandel betroffen und unsere Zukunftsperspektive hängt auch von den Lebensmöglichkeiten anderer Menschen ab. Das alles gilt es zu vermitteln und zwar so, dass Probleme in Handeln umgesetzt werden können – und eben nicht in Angst. Vielleicht schaffen wir es, dass die nächste Generation viel schneller handelt als wir.

Dazu muss sich auch die Umweltbildung ändern, sie muss z.B. Klima-Bildung werden und das Thema „Ernährung“ integrieren. Letzteres hat ja auch mit Klimaschutz zu tun, wegen der Transportwege, der industriellen Fleischproduktion oder auch den Anbaumethoden. 

Als Landschaftsökologin arbeite ich zudem in einer Kreisverwaltung einer Naturschutzbehörde im Bereich Vogelschutz. Hierbei fällt uns unter anderem das Insektensterben ebenso wie mir als Privatperson auf. Mein Mann und ich haben einen Imker-Kurs gemacht, weil wir etwas für den Schutz von Honig- und Wildbienen tun wollen. In unserem Garten haben wir Bienenvölker – und mit Ihnen sind auch viele Vögel wieder gekommen. Durch ein Bienenvolk oder auch durch Blühpflanzen im eigenen Garten erhöht man die Insektenmasse und mit denen kommen auch die Vögel wieder. Enorm, wie viel man tatsächlich im Kleinen bewirken kann.

Man kann und muss den Kindern vermitteln, dass nicht jedes Fluginsekt eine Fliege ist und nicht jedes Fluginsekt totgeschlagen werden muss, wenn es sich im Klassenraum befindet. Die Kinder müssen wissen, dass es wichtige Insekten gibt, die auf den ersten Blick wie eine Fliege aussehen und auf dem zweiten Blick ganz wichtige, geschützte, auf der Roten Liste stehende Arten von Wildbienen sind. In Deutschland sind die wilden, echten Honigbienen bereits ausgestorben.

Wenn die Bestäubungsleistung von Wild- oder Honigbienen nicht mehr zur Verfügung steht, dann werden sehr viele Pflanzen viel weniger bestäubt. Dann werden wir das auch hier haben, was wir zurzeit in Teilen Chinas sehen: Da fehlen bereits ganze Insektengruppen und Obstplantagen müssen mit der Hand bestäubt werden, damit genug für den Menschen produziert wird. Die chinesischen Bauern und Lohnunternehmer gehen wirklich auf die Obstbäume und bestäuben mit einem Pinsel. Das kostet viel Geld, das Obst wird noch teurer und der Artenreichtum am Wegrand wird noch geringer.

In unseren BNE-Bildungsprogrammen wollen wir dieses Wissen mit Begeisterung und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft verknüpfen.

 

 
 

InfoBox

Katharina Farwick-Brückhändler, Landschaftsökolo-gin und Waldlehrerin der Waldschule Cappenberg

 
  • Landesnetzwerk "Bildung für nachhaltige Entwicklung NRW"

    Um einen verantwortlichen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu stärken, wird ein neues Förderprogramm für Umweltbildungseinrichtungen durch das NRW-Umweltministerium initiiert. Es soll ein landesweites Netzwerk außerschulischer Einrichtungen im Bereich der Umweltbildung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) entstehen. Die beteiligten Umweltbildungseinrichtungen arbeiten künftig in einem landesweiten Verbund zusammen. Für die Koordinierung der Zusammenarbeit ist die BNE-Agentur NRW in der Natur- und Umweltschutzakademie NRW (NUA) zuständig. Dieses Förderprogramm basiert auf dem Fachkonzept zum „Landesnetzwerk Bildung für nachhaltige Entwicklung NRW“.

    Umweltbildungseinrichtungen dienen dazu, dass Zielgruppen unterschiedlichen Alters Naturerfahrungen machen und handlungsorientiertes Lernen für den verantwortlichen Umgang mit der Umwelt näher gebracht bekommen. Bildung für nachhaltige Entwicklung ergänzt und erweitert hierbei die klassische Umweltbildung. Es soll erreicht werden, dass die Gesellschaft durch nachhaltige Ideen aktiv mitgestaltet wird.

  • Studie zum Insektensterben

    Die Studie „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“, veröffentlicht vom renommierten Wissenschaftsjournal PLOS ONE, bestätigt den Insektenschwund in Deutschland, denn man stellte mehr als 75% weniger Biomasse bei Fluginsekten fest. Die Ergebnisse sind erschreckend, denn Insekten sind unverzichtbar für Mensch und Natur.

    Mehr zur Studie bei dem Naturschutzbund (NABU)

    Fachartikel zur Studie

  • Wildbienen: Jede dritte Wildbienen-Art in Deutschland gefährdet

    Eine grundlegende Voraussetzung, um den Insektenrückgang zu stoppen, ist eine nachhaltigere Landwirtschaft, denn man konnte inzwischen belegen, dass dieser Rückgang ursächlich auf eine hoch intensive Landwirtschaft zurückzuführen ist. Nicht nur der Einsatz von Pestiziden ist für die Insekten schädlich, sondern auch die mangelnden Nahrungs- und Nistangebote, beispielsweise aufgrund von intensiven Ackerbausystemen.

    Mehr dazu in einem Artikel des NABU

  • Naturreport 2018 Kreis Unna: Ehrenamtlicher Naturschutz. Gestern und heute

    Dieser Naturreport fasst die Wichtigkeit und Bedeutung von einem ehrenamtlichen Naturschutz in unterschiedlichen Beiträgen und Projekten zusammen.

    Hier geht es zum Naturreport, Ausgabe 22 (PDF)

  • Informative Sendung zum Insektensterben

    Wissenschaftler schlagen Alarm: Die Zahl der Insekten geht dramatisch zurück. Als Ursache steht die moderne Landwirtschaft unter Verdacht: zu viele Pestizide, Dünger und Monokulturen setzen den Tieren zu. Können wir die Insekten noch retten?

    Hier zum Film

 

 

Fotos

Als Waldlehrerin in Opherdicke