Karin und Wilhelm Eckei
 

Interview

Karin und Wilhelm Eckei, Landwirt, Neuland Hof in Fröndenberg

 

Wir betreiben den Hof seit 1989 als Neuland Betrieb, einem nachhaltigen Programm für tiergerechte Haltung. Der sichtbarste Unterschied bei der Tierhaltung ist der, dass die Tiere komplett auf Stroh sind, dass keine Gülle entsteht und dass die Tiere Auslauf nach draußen haben. Hinzu kommt, dass es bei Neuland nicht erlaubt ist, importierte Futtermittel einzusetzen. Wir verwenden also kein Soja aus Brasilien oder Amerika. Wir pflanzen z.B. Raps, verkaufen die Ölfrucht und bekommen den Rapsschrot als Eiweißfuttermittel zurück. Zusätzlich kaufen wir bei Bedarf Soja aus Süddeutschland hinzu.

Futtermittel sind der größte Kostenfaktor in der industriellen Landwirtschaft und um Kosten zu sparen, braucht man große Anbauflächen für Soja. Das ist der Grund, warum Kleinbauern in Brasilien enteignet und vertrieben werden. Dass wir den Menschen in anderen Ländern die Existenzgrundlage durch den Futtermittelanbau für unsere Tiere entziehen, erzähle ich jeder Schulklasse, die hierher kommt. Das müssen alle wissen.

Wir haben nicht nur eine Verantwortung für den Boden hier, sondern auch für die Existenz des Bauern in Brasilien.

In der Landwirtschaft sind die Verkaufspreise schon lange nicht mehr an den tatsächlichen Kosten orientiert, sondern am Marktgeschehen. Das ist ein Unding und führt u.a. dazu, dass ein voll ausgebildeter Landwirt, der Betriebsführer ist, manchmal nicht einmal den Mindestlohn für seine Arbeit bekommt. Oder wenn zu viele Schweine auf dem Markt da sind, der Preis sinkt, egal was es gekostet hat, das Fleisch zu produzieren. Neben der Tatsache, dass wir für unsere Familie ein Einkommen erwirtschaften müssen, war es uns nie gleichgültig, wie wir das tun. Wir haben nicht nur eine Verantwortung für den Boden hier, sondern auch für die Existenz des Bauern in Brasilien.

Entscheidend für unsere Art von Landwirtschaft sind die Verbraucher*innen. Wir sind dankbar für die, die bereits seit 30 Jahren unsere Tierhaltung wertschätzen und lieber weniger einkaufen, dafür aber in guter Qualität. Früher haben wir ja auch nicht jeden Tag Berge von Fleisch gegessen. Zu uns kommen inzwischen viele junge Leute, die sich gezielt gegen „billig“ entscheiden und sich sagen: Was ich esse, das bin ich. Wir beobachten und fördern diesen Bewusstseinswandel – und gleichzeitig gibt es den ungebrochenen Trend zu Billigware bei den Discountern. Doch selbst diese nehmen inzwischen artgerecht produziertes Fleisch in ihr Sortiment auf - das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass eine gewisse Trendwende beim Verbraucher da ist.

Unsere Einstellung zur Welt bringt es mit sich, dass wir immer Menschen geholfen haben, die in Not sind. Deswegen habe ich 2014 den „Fröndenberger Patenschaftskreis für Geflüchtete“ mit gegründet. Um nicht zu zerbrechen an diesen Gedanken, dass man nicht wirklich dieses Machtgeschehen verändern kann, kann man nur in seinem privaten Umfeld etwas ändern und das tun wir. Wir versuchen so gut wie möglich in Frieden mit jedem zu leben. Dazu gehört auch die Integration von Menschen, die zu uns kommen und hier Schutz suchen. Es ist normal und es ist auch legitim, dass Menschen vor einem Bürgerkrieg oder anderer Not fliehen und es ist notwendig, dass wir helfen, weil wir eines der reichsten Länder der Erde sind. Wir können aufgrund unserer Geschichte nicht wegschauen.

Deswegen haben wir auch hier auf dem Hof einen syrischen Landarbeiter eingestellt, der in seiner Heimat bereits Landwirtschaft betrieben hat. Zusätzlich haben wir einen Raum ausgebaut, den die syrische Catering-Firma „Nefisa kocht“ nutzt. Diese Idee entwickelte sich im Rahmen des Patenschaftskreises, wo wir auf dem Frühlings- und Bauernmarkt immer auch syrisches oder internationales Essen anbieten. Im Moment arbeiten bei „Nefisa kocht“ drei syrische Frauen auf Minijob Basis, die unterstützt werden von einer weiteren syrischen Frau, die schon länger hier lebt und die bürokratischen Hindernisse bewältigen hilft.

Unsere Kinder können, wenn sie denn wollen, das Verbraucher Potential im Kreis Unna z.B. für den Ausbau der Direktvermarktung nutzen und ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Vielleicht einen Lernort-Bauernhof eröffnen zum Thema „Wie wird unser Essen produziert?“ oder auch ein Restaurant mit naturnaher, regionaler Küche. Wenn man Engagement mitbringt, geht alles.

 

 
 

InfoBox

Karin und Wilhelm Eckei, Landwirte auf einem Neuland Hof in Fröndenberg

 
  • Das gesamte Interview mit Karin und Wilhelm Eckei, Neuland Hof in Fröndenberg

    Was machen Sie in Ihrem Neuland-Betrieb, einem interessanten Beispiel von Nachhaltiger Entwicklung im Kreis Unna, anders im Gegensatz zu der industriellen Fleischproduktion?

    Der sichtbarste Unterschied bei der Tierhaltung ist, dass die Tiere komplett auf Stroh sind, ohne, dass Gülle entsteht, ohne, dass Spaltenböden da sind und dass die Tiere Auslauf nach draußen haben. Das ist ein Grundprinzip von Neuland, nicht umsonst ist eben Neuland das Programm für tiergerechte Haltung. Dazu kommen andere Sachen, die die Fütterung betreffen. Z.B. ist es bei Neuland nicht erlaubt, importierte Futtermittel einzusetzen, vor allen Dingen Soja aus Übersee, aus Brasilien, aus Amerika. Es gibt mittlerweile Soja-Herkünfte aus Süddeutschland oder aus Europa. Da ist es schon erlaubt, aber grundsätzlich ist das Ziel, das Futter selbst zu erzeugen. Auch das Eiweißfutter.

    Haben Sie so viel Fläche, dass Sie die Futtermittel selber anbauen können?

    Flächenausstattung ist ein Kriterium bei Neuland, es wird errechnet, wie viel Dungvieheinheiten man pro Hektar halten darf und das entspricht dann auch ungefähr der Menge Futter, die man erzeugen kann. Nun sieht es bei uns so aus, dass wir nicht alles an Futter wirklich selbst erzeugen. Einen Teil, wie z.B. Raps, den wir erzeugen, wird verkauft, weil es eine Ölfrucht ist und das Rapsöl gewonnen wird. Aber z.B. kommt das Futter, die Reste, der Rapsschrot, zurück und wird als Eiweißfuttermittel dann auch eingesetzt.

    Die Neuland-Haltung bringt es mit sich, dass die Tiere relativ gesund sind, sodass wir – was auch verboten ist – keine Antibiotika einsetzen müssen. Also es funktioniert eigentlich sehr gut, wir haben keine höheren krankheitsbedingten Ausfälle als in anderen Betrieben, die Medikamente einsetzen müssen. Und im Übrigen funktioniert es wegen des Strohs und des Auslaufs seit 30 Jahren gut, dass die Ringelschwänze nicht gekürzt werden müssen, was zurzeit sehr in der Diskussion hochkommt. Das Ziel ist ja, in der gesamten Schweinehaltung das Kupieren der Schwänze zu verbieten, was aber in der kommerziellen Haltung auf größte Probleme trifft, weil die Ställe nun mal viel zu eng sind.

    Können Sie nach 20 Jahren sagen, artgerechte Tierhaltung und naturnahe Landwirtschaft funktionieren gut? Sehen Sie eine Trendwende oder eine Veränderung des Bewusstseins?

    Es ist ein langer Weg – natürlich gab und gibt es vor 30 Jahren schon Verbraucher, die solche Art von Tierhaltung honoriert haben. Dafür sind wir sehr dankbar, denn ohne diese Verbraucher, die natürlich mehr bezahlen, können wir und auch andere diese Art der Landwirtschaft gar nicht betreiben. Es gibt den ungebrochenen Trend des Verbrauchers zu Billigware bei den Discountern. Und gleichzeitig gibt es einen wachsenden Anteil an Menschen, die bewusster einkaufen wollen. Das merkt man auch am Einkaufsverhalten der Discounter, die neuerdings bestrebt sind, auch solches Fleisch aus artgerechter Tierhaltung in ihr Programm aufzunehmen, weil selbst die Discounter auf einen wachsenden Anteil der bewussten Verbraucher als Kunden nicht verzichten wollen. Das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass eine gewisse Trendwende beim Verbraucher da ist.

    Haben Sie Interesse mit einem Discounter zusammenarbeiten?

    Als Betrieb können wir das nicht, der wäre zu klein. Und: Wir sind ja in Neuland organisiert, sowohl vom Verband, der die Richtlinien erlässt und für die Vermarktung gibt es hier in Westfalen eine Vermarktungs-GmbH, die alle Neulandprodukte zusammenfasst. Da gibt es bereits ein Herantreten von Seiten der Discounter. Im Grunde genommen ist es trotzdem eine verschwindend geringe Menge, die man für diesen Markt zur Verfügung stellen könnte. Das Interesse ist aber sehr groß bei den Discountern. Eigentlich sind die Discounter von Haus aus nicht unsere Partner, das muss man ehrlich sagen, denn zu unserer anderen Haltung gehört eine andere Art der Vermarktung. Bereits vor 30 Jahren war klar, dass mit den wachsenden Strukturen im Lebensmittelhandel die wenigen Abnehmer immer mächtiger und größer werden. So kann man keinen Handel auf Augenhöhe betreiben, wenn man ein kleiner Bauer ist. Auch nicht, wenn man ein großer Bauer ist. Von daher waren und sind unsere ursprünglichen Partner nach wie vor kleine Metzger und Fleischerläden, die leider auch immer weniger werden. Oder auch kleinere Einzelhändler. Großküchen zählen zu Neulandkunden.

    Sie haben mit ihrer Direktvermarktung einen Kreis von Stammkunden hier aus der Umgebung?

    Ja, aus der Umgebung, bis nach Dortmund und Schwerte, also bis zum anfänglichen Ruhrgebiet. Zeitweise haben wir gedacht, dass die Kunden aussterben, weil sie immer älter werden. Man dachte immer, die Leute, die wirklich das wertschätzen und von früher kennen, sterben aus. Aber es ist jetzt so, dass auch sehr viele junge Leute zu uns kommen, die sich einfach darüber Gedanken gemacht haben, was esse ich, was bin ich und nicht nur auf billig achten. Neue Kunden, die ganz gezielt sagen, ich kaufe weniger, dann lieber diese Qualität und auch diese ethische Haltung dahinter. Dann verzichte ich darauf, jeden Tag irgendwelche Berge von Fleisch zu essen. Das ist ein guter Trend, den versuche ich unseren Kunden die ganze Zeit beizubringen, dass man weniger kauft, aber dafür die Qualität nimmt. Das war früher schließlich auch so. Wenn man mal zurückschaut, hat es auch nicht immer jeden Tag Berge von Fleisch gegeben hat. Ich kann mich erinnern, dass es sonntags Braten gab, einmal in der Woche, ansonsten gab es mal Suppen, mal Eintöpfe, wo verschwindend wenig Fleisch drin war. Das ist auch für die Gesundheit in Ordnung.

    Also nimmt das Bewusstsein für nachhaltige Strategien zu? Dafür, dass wir z.B. krank werden von diesem industriell produzierten Fleisch?

    Ich denke, bei den jungen Leuten, die hierherkommen, ja. Es gibt natürlich auch junge Leute, die da gar keinen Zugang zu haben. Das ist halt so.

    Wir haben hier ja keinen direkten Laden, wir bieten das Fleisch auf Bestellung an. Also die Leute rufen an, schreiben Mails oder whats-app mit den Wünschen, was sie gerne hätten. Wir schauen dann, wann das Schwein oder Rind sozusagen verkauft ist und geben den Abholtag bekannt. Dann mache ich Pakete und die Kunden holen das aus der Kühlung ab. Anders ist das bei Hähnchen, da haben wir eine andere Struktur, da ist das schneller. Hähnchen kann es jede Woche geben, aber auch nur an einem gewissen Tag. Alle Stücke, die wir von den Schlachtungen über haben, frieren wir ein, bezeichnen die und verkaufen es dann tiefgefroren. Nichts wird verschwendet.

    Und weitere Schweine und Rinder werden über Neuland vermarktet?

    Genau. Wir schlachten auf einem regionalen Schlachthof in Unna. Den betreibt eine Familie, die ursprünglich aus dem Sauerland kommt, die auch selber eine Metzgerei hat. Wir hoffen, dass der uns noch lange erhalten bleibt. Zur Größenordnung mal vielleicht: der schlachtet so ungefähr zweieinhalb tausend Schweine in der Woche. Das hört sich zwar nach viel an, aber so ein Großschlachthof, wie Tönnies oder Westfleisch, die schlachten diese Menge in einer Stunde, an jedem Tag.

    Wie viel kostet denn aktuell ein Kilo Fleisch, das nach Neuland-Richtlinien produziert wurde?

    Das ist bei Schweinen etwas schwankend, weil wir für diese Neuland-Tiere einen Festpreis vereinbart haben, der sich an unseren Kosten orientiert. Das ist eigentlich völlig unüblich in der Landwirtschaft, dass man an den Kosten orientiert die Preise macht. Die Preise werden in der Landwirtschaft ermittelt durch ein Marktgeschehen, d.h. wenn zu viele Schweine da sind, da sagt der Markt, der sinkt, egal, was es kostet hat, das Fleisch zu produzieren. Ich kann das jetzt nur vom Erzeuger-Preis sagen, da ist momentan das Kilo Schwein 60, 70 Cent teurer als ein konventionelles Schwein. Was das nachher auf einem Kilo Kotelett oder Schinken ausmacht, kann ich nicht so genau sagen. Das wird vom Preis her wie in einem guten Metzgerladen sein.

    Ist es nicht ein Irrsinn, dass ein Landwirt nicht auf seiner Kostenbasis kalkulieren kann?

    Das ist es. Wir müssen ja auch mit einem Stundenlohn rechnen. Man kann ja nicht für den Landwirt, der voll ausgebildet ist, nur den Mindestlohn nehmen. Er ist ein Betriebsführer. Man soll sich mal überlegen, was ein Betriebsführer in der normalen Branche, ein Elektriker aus dem Handwerk verdient, was der sich als Stundenlohn aufschreibt. Das muss man sich überlegen und so muss das auch bei uns sein. Man muss eigentlich von dem, was man hier auf dem Hof produziert, auch als Familie leben können. Das muss ein reales Einkommen sein. Wenn das nicht funktioniert, dann stimmt irgendwas nicht. Normalerweise muss es doch so sein, wenn einer rund um die Uhr arbeitet, sich einsetzt, Sachen produziert und vermarktet – dann muss es möglich sein, dass genau das der Haupterwerb ist. Und nicht der Nebenerwerb. Ich kann doch nicht noch zusätzlich arbeiten gehen, weil irgendein Discounter einfach die Preise drückt. Das kann nicht wahr sein.

    Ist es für Sie als Familie möglich, von den Erträgen des Hofes zu leben?

    Ja. Das ist es, weil wir uns sehr bewusst gegen einen Trend entschieden haben. Zur Zeit meiner Eltern wurden die Preise immer ausgezahlt. Man lieferte die Milch, man lieferte Getreide, man lieferte Schweine ab und wartete die Woche oder zwei auf die Abrechnung und dann konnte man sich freuen oder nicht. Weil das so ist, haben sich die Berater in der Landwirtschaft gesagt: Okay, an den Preisen kannst du nichts machen. Also musst du kosteneffektiv produzieren. Die Kosten musst du drücken. Verkaufspreise: das ist nicht deine Welt, das entscheiden andere. Die Kosten hast du. Deswegen erst mal spezialisieren. Vergrößern sowieso, das drückt die Kosten. Dann kannst du nur in einer Sache vergrößern, also entweder Milch, Schwein, also alles andere raus. Spezialisierung, Rationalisierung, Größenwachstum. Dann fehlt dir natürlich auch das Land, wenn du größer werden willst, also musst du pachten. Komischerweise, dummerweise ist da auch ein Nachbar, der auch gerne pachten möchte. Den musst du am besten raus kicken.

    Dann hast du sowieso nicht genug Futter, dann musst du sehen, da gibt es Futtermittelhändler, die bringen dir das Futter und bestimmen, wo es herkommt. Günstig muss es sein und die Schweine sollen schnell wachsen. Sie müssen mit möglichst wenig Futter auskommen – das Futter ist der größte Kostenfaktor! – also nehme ich das, was ich am günstigsten einkaufen kann. So ist ein gewisser Zwang entstanden, bei einigen auch eine Lust am Wachstum. Ich bin größer als der, ich kann das besser als der. So, das ist eben eine Sache, die ich wahrscheinlich gar nicht durchgehalten hätte, weil ich nicht so Ellbogen-mäßig daher komme und die anderen raus kicken möchte, das wollte ich auch nie. Wenn man etwas hinter die Sache guckt, wenn man z.B. sieht, was mit Kleinbauern in Brasilien passiert, da werden große Fläche für Soja gebraucht, dann sind das im Grunde auch meine Nachbarn.

    Für mich war es immer auch eine Sache des 'Wie': Wie erwirtschafte ich für unsere Familie, für unseren Hof ein Einkommen? Wie mache ich das? Und mir ist es nicht gleichgültig, wie ich das Einkommen erwirtschafte. Gut, als junger Mensch ist das das Hauptaugenmerk, aber irgendwann kommt man dann auch dahin, dass man sagt, es muss auch irgendwo Sinn machen. Alle Auswirkungen meiner Entscheidungen müssen sich im Rahmen des Vertretbaren bewegen. Wir haben alle auch eine Verantwortung für den Boden hier.

    In Brasilien haben wir die Kleinbauern für unseren Futtermittelanbau bodenlos gemacht. Man vertreibt sie. Sie müssen in den Urwald, den abholzen, um sich weiter ernähren zu können. Das erzähle ich jeder Schulklasse, die hier hinkommt, ob sie will oder nicht. Das das ein Hauptgrund ist, warum wir hier keine Soja-Sachen haben, weil es in anderen Ländern den Menschen die Existenzgrundlage entzieht. Das ist für viele Schüler das erste Mal, dass sie das hören. Ich denke, man kann man nicht früh genug damit anfangen, das eigene Tun zu bedenken. Gerade jetzt – Globalisierung, Internet – wir sind so eng auf der Welt zusammengerückt und das wollen wir dann nicht sehen. Das kann nicht sein.

    Großartig, dass Sie diese Haltung an jeder Stelle vertreten. Nochmal kurz zurück zum Hof: Die Frage mit Kartoffeln. Ist der Boden hier besonders gut für Kartoffeln?

    Kartoffeln wachsen eigentlich überall. Wir machen es, weil Kartoffeln ein traditionelles, regionales Produkt sind, von ganz früher schon, weil es eben schon das Grundnahrungsmittel schlechthin war. Ich habe es noch mitbekommen, dass wir den Menschen in Fröndenberg Kartoffeln in den Keller getragen haben und die wirklich dann diese Vorratshaltung für den ganzen Winter betrieben haben. Das ist jetzt nicht mehr üblich, das macht kein Mensch mehr. Von daher haben wir diesen Kartoffelmarkt nicht mehr. Trotzdem haben wir das beibehalten und Kartoffeln sind von den Gemüsen auch das einfachste. Wir können hier auf dem Hof ja auch nicht alles machen. Vielleicht kommt auch irgendwann mal eine Generation, die sagt: Ich habe Spaß daran, ich pflanze mehr Gemüse.

    Gibt es denn in Ihrer Familie jemanden, der nachfolgen möchte?

    Ja, wir warten noch. Wir haben vier Kinder und die zwei ältesten Mädchen sind andere Wege gegangen. Der ältere Sohn studiert Agrarwissenschaften, aber, dass er danach diesen Hof bewirtschaftet, glauben wir nicht. Vielleicht schon eher sein jüngerer Bruder. Vielleicht machen sie es mal zusammen, vielleicht machen sie auch andere Sachen auf dem Hof. Oder – wie auch immer.

    Wenn man in kleineren Betrieben zurechtkommt, auch vom Einkommen her, dann entwickeln sich manche Probleme erst gar nicht, so wie jetzt z.B. das Insektensterben. Mit kleinräumiger Landwirtschaft und einer höheren Fruchtfolge, also mehr Früchten im Anbau, hat man per se eher die Möglichkeit auch mit kleinen Schritten wieder etwas, z.B. für Insekten, zu tun. Wenn Landschaften erst für die Wirtschaftlichkeit ausgeräumt sind, dann wird es sehr viel schwieriger, auch insektengerechte Landschaften wieder zu erstellen.

    Jetzt noch dieses Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt, liebe Frau Eckei, die globale Welt, die nebenan wohnt, Ihre Arbeit mit Geflüchteten hier im Fröndenberger Patenschaftskreis.

    Das hat mit meiner / unserer Einstellung zur Welt zu tun, weil man nicht einfach weggucken kann. Das machen wir ja nicht erst, seitdem es den Patenschaftskreis für Flüchtlinge gibt, den wir 2014 gegründet haben. So lange wie ich auch auf dem Hof bin und solange wir Neuland sind, haben wir immer Menschen geholfen, die in Not waren. Das war ganz egal, wer, ob das jetzt unsere deutschen Nachbarn sind oder andere, die unsere Hilfe brauchen: Wir haben nie ‚nein‘ gesagt. Haben alles gemacht, was für uns möglich war.

    Man kann die Welt, so wie sie ist, leider nicht ändern. Man würde gerne, weil es ein großes Machtgeschehen, ein großes Muskelspiel ist. So entstehen ja Kriege. Man kann nur, finde ich, um nicht zu zerbrechen an diesen Gedanken, dass man nicht wirklich etwas ändern kann, nur in seinem privaten Umfeld etwas ändern und das tun wir. Also wir versuchen so gut wie möglich in Frieden mit jedem zu leben. Dazu gehört auch die Integration von Menschen, die zu uns kommen und hier Schutz suchen. Es ist normal, dass sie kommen und es ist auch legitim, wenn ein Bürgerkrieg irgendwo ist, finde ich und finden wir, dass es notwendig ist, dass wir helfen, weil wir eins der reichsten Länder der Erde sind. Wir können aufgrund unserer Geschichte nicht wegschauen. Wir können auch nicht wegschauen vor Wirtschaftsflüchtlingen, weil es uns gut geht. Es gibt so einen afrikanischen Spruch, der heißt „ubunto“, d.h. „ich kann nicht glücklich sein, wenn mein Nachbar leidet.“ Ich kann doch nicht wirklich zuschauen, wie Menschen hungern und ich selber sitze am Tisch und esse. Also das ist sehr schwierig für uns alle und das ist ein extremer Motor, hier zu helfen und die Leute zu integrieren. Deswegen haben wir auch hier auf dem Hof einen syrischen Landarbeiter angestellt, der in seiner Heimat auch Landwirtschaft betrieben hat.

    Zusätzlich haben wir hier auf dem Hof einen Raum für ein syrisches Catering zur Verfügung gestellt. Diese Idee kommt auch aus der Flüchtlingsarbeit: ‚Nefisa kocht‘. Wir haben damals im Rahmen des Patenschaftskreises, das machen wir auch heute noch, auf dem Frühlings- und Bauernmarkt, immer internationales Essen als Buffet aufgebaut und verkauft. Der Erlös geht an die Kasse des Patenschaftskreises und kommt dann den Geflüchteten wieder zugute. Aus dieser Sache heraus haben dann immer Leute gefragt: „Wo können wir das kaufen, wo können wir das kriegen?“ und dann haben wir hier gesessen und rumgesponnen und sind auf das Catering gekommen, weil das der einfachste Einstieg ist.

    Sie stellen also den Küchenraum zur Verfügung?

    Ja. Eine andere syrische Frau hat förmlich die Firma gegründet, weil ich gesagt habe, dass ich das nicht auch noch kann, mit auf dem Hof, dann die ganzen ehrenamtliche Patenschaftskreis-Sache und dann noch das. Das läuft, es sind im Moment drei syrische Damen angestellt, zwar nur auf Minijob-Basis, aber seitdem sie das machen, werden sie derartig wertgeschätzt, in ihrer Person. Sie sind gewachsen, das ist wirklich schön. Vorher waren das so Mauerblümchen, die gar nicht aus ihrem Haus rauskamen. Uns ist es wichtig, dass gerade die Frauen gestärkt werden, weil das Frauenbild in deren Ländern häufig so ist, wie in unserem Land vor vielen, vielen Jahren, was wir gar nicht zurückhaben wollen. Wir wollen ihnen zeigen, dass auch Frau sich selbstständig machen kann, dass auch Frau wirklich nach vorne gehen kann und selber was erreichen kann. Sie muss nicht nur zuhause sitzen und sich um die Kinder kümmern. Sie kann auch rausgehen und selber mal einkaufen, selber mal tätig werden. Das tun wir, da wird auch immer mitgesprochen und erklärt, wie es hier in Deutschland läuft. Das ist eine wunderschöne Sache.

    Ich kriege manchmal selber eine Krise, wenn ich da mitbeteiligt bin. Man ist ja auch nicht ständig mit dieser Art der Bürokratie beschäftigt. Was da alles verlangt, gefordert, aufgebürdet wird, das ist – wir könnten es uns wirklich leichter mit der Integration machen. Wir sind das Volk der Verwaltungsleute.

    Ist es für Ihre Arbeit besonders vorteilhaft im Kreis Unna zu sein? Wird hier etwas besonders gefördert in Sachen Nachhaltigkeit?

    Wüsste ich nicht speziell für den Kreis Unna. Vorteilhaft ist hier, dass es viele Verbraucher gibt – von jeder Sorte genügend. Ich sage mal, wenn man diese Direkt-Vermarktung ausbauen will, dann sehe ich da große Chancen. Das ginge in einem weiter abgelegenen Kreis nicht, es geht nicht überall. Man kann hier sehr viel machen. Man kann auch, falls mal ein Nachfolger da ist, auf dem Hof sehr viel machen. Der könnte das so machen wie wir, aber junge Leute würden ja nicht das gleiche machen wie wir. Das haben wir ja auch nicht gemacht. Aber sie können ihrer Phantasie freien Lauf lassen und können sagen, dass sie z.B. einen Lernort-Bauernhof machen. Man könnte hier verschiedenste Schulungen stattfinden lassen, zum Thema Landwirtschaft und Agrarindustrie oder: Wie produziere ich mein Essen? Man kann die Direkt-Vermarktung voll ausbauen, man kann ein Restaurant eröffnen, oder, oder, oder. Man kann wirklich viel. Wir haben mal so gemeinsam darüber im Urlaub nachgedacht, da gab es so einen Wahnsinns Fast-Food Laden. Da haben wir gesagt, das machen wir hier. Man könnte ein alternatives Fast-Food machen.

    Wie auch immer, wenn man Ideen hat, dann kann man das hier schon verwirklichen. Wenn man Engagement reinbringt, dann geht das immer.

  • Nefisa kocht – Integration auf kulinarisch

    Wie im Interview bereits erwähnt, ist ‚Nefisa kocht‘ ein Catering bzw. Partyservice, der syrische Spezialitäten anbietet. Bei den Speisen steht neben Qualität und Nachhaltigkeit (es wird beispielsweise auf Plastik verzichtet) auch kulinarische Kreativität und Einfallsreichtum im Vordergrund. Außerdem setzt ‚Nefisa kocht‘ auf Integration auf kulinarisch! ‚Nefisa kocht‘ wurde von aus Syrien geflüchteten Frauen gegründet und bietet ihnen eine berufliche Perspektive. Nefisa bedeutet übrigens passenderweise ‚die Köstliche‘ – diesen Namen verdankt ‚Nefisa kocht‘ der Großmutter von Nada Homssi-Dadikhi, die den Partyservice als Gewerbe angemeldet hat.

  • Patenschaftskreis für Flüchtlinge in Fröndenberg

    Der Patenschaftskreis für Flüchtlinge in Fröndenberg – bei dem Karin Eckei zentrale Ansprechpartnerin ist – unterstützt zahlreiche Projekte für ein gemeinsames Miteinander, die auch zeigen, dass Fröndenberg vielfältig ist. Unterstützen kann man den Patenschaftskreis für Flüchtlinge ehrenamtlich auf unterschiedlichster Weise: als Pate bei der Begleitung zu Behörden oder bei der Unterstützung beim Schreiben und Lesen oder bei der Hausaufgabenhilfe.

  • Neuland – Qualitätsfleisch aus tiergerechter und umweltschonender Haltung

    Neuland ist kein Bio-Programm, sondern ein Programm für besonders tiergerechte und umweltschonende Haltung und eine Marke, die neben diesen beiden Aspekten für bäuerliche Landwirtschaft, Regionalität und soziale Verantwortung sowie Glaubwürdigkeit und Transparenz steht. Die Zukunft für Neuland liegt nicht in der Erzeugung von Massenware und industriellen Tierhaltung, sondern in Qualitätslebensmitteln, die zwar teurer sind als konventionelle Massenware, aber einen Aufpreis wert sind – ein Beitrag für das Wohl der Tiere und für die bäuerliche Landwirtschaft.

 

 

Fotos

Karin und Wilhelm Eckei, Neuland Hof in Fröndenberg