Anne Reygers
 

Interview

Anne Reygers, Gärtnerin und Agrarbetriebswirtin aus Bork

 

Wir leben mit unseren zwei Kindern seit 10 Jahren hier auf dem Hof. Es ist ein sehr kleiner Hof und wir haben von Anfang an überlegt, was kann man mit so wenigen Hektar Fläche heutzutage noch machen?

Wir waren schon lange Selbstversorger, hatten einen Gemüsegarten und Hühner – und wollten immer mehr machen. Vor sechs Jahren ist mir das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft – Solawi – begegnet: in Dortmund hatte sich eine Gruppe von Verbraucher*innen gegründet, die einen Hof suchten, mit dem sie zusammenarbeiten wollten. Damals waren unsere Flächen noch verpachtet – doch seit Februar 2019 sind wir selber eine Solawi! Mein Startschuss war eine Tagung vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft im Februar 2018, wo ich ganz junge Gärtner*innen kennenlernte, die was anderes machen wollen als die klassische Landwirtschaft, Verbraucher*innen jeden Alters, die sich als Erntehelfer*innen für eine gesunde Lebensmittelproduktion engagieren und es war eine so tolle Aufbruchsstimmung, dass ich völlig beschwingt nach Hause gekommen bin und sagte: „Wir nehmen das jetzt in Angriff.“

Man nimmt dem Gemüse seinen Preis und gibt ihm seinen Wert zurück.

Bei einer Solawi wird eben nicht mehr die einzelne Möhre bezahlt, sondern die Landwirtschaft finanziert. Man bekommt, was der Boden hergibt. Die Solawistas sagen: „Man nimmt dem Gemüse seinen Preis und gibt ihm seinen Wert zurück.“ Wir haben für unser Wirtschaftsjahr 2019 das Jahresbudget inkl. Maschinenkosten, Saatgut, Gehälter für den Gärtner und für mich etc. errechnet. Das wird durch alle geteilt, die mitmachen. Wir starten mit 85 Anteilen, jeder Ernteteiler zahlt einen festen monatlichen Betrag, der sich aus dem errechneten Durchschnitt des Jahresbudgets ergibt. Wir starten mit einem Hektar Gemüseanbau. Etwa ab Mitte Mai gibt es das erste Gemüse geben, das dann wöchentlich abgeholt wird. Das ist das Prinzip der Solawi.

Es geht nicht nur ums Gemüse. Es geht auch um etwas, das in unserer Gesellschaft verloren geht: Gemeinschaft zu stiften und gemeinschaftlich für etwas einstehen, das droht, zerstört zu werden.

So kann die kleinräumige, regionale Landwirtschaft überleben bzw. eine nachhaltige Perspektive bekommen. Die Risiken – auch von Missernten - werden von allen solidarisch getragen, die Arbeit in der Landwirtschaft solidarisch finanziert. Es gibt in Deutschland mittlerweile 206 Solawis, die ältesten sind mehr als 30 Jahre alt, seit dem letzten Jahr sind mehr als 100 in Gründung. Es geht nicht nur ums Gemüse. Es geht auch um etwas, das in unserer Gesellschaft verloren geht: Gemeinschaft zu stiften und gemeinschaftlich für etwas einstehen, das droht, zerstört zu werden. Allein das ist aktuell in unserer Gesellschaft ja schon fast etwas Unvorstellbares.

Wir haben jetzt mehr als 40 Kulturen, die wir anbauen werden, inkl. einem Kräuter-Selbsternte-Beet. Unsere Prinzipien sind: regional, saisonal und naturnah. Unsere eigenen Ernteteiler sind die Kontrolleure, wir haben weder Geld noch Zeit für die aufwendigen Bio-Zertifizierungen. Jeder, der mitmacht, kann gucken kommen, dass wir ausschließlich biologisch zugelassene Dünger verwenden, was wir für einen Kompost nehmen und dass wir ausschließlich Biosaatgut und Biojungpflanzen kaufen.

Wir haben nur einfache Lagermöglichkeiten, deswegen müssen wir immer knapp vor der Reife ernten. Es soll nicht jeder jeden Freitag hier selber seine Kiste abholen. Dann haben wir hier 50 Autos stehen – das ist nicht Sinn der Sache. Sondern wir wollen bewusst Abholgemeinschaften gründen, um auch hier den Gedanken der Nachhaltigkeit einzubringen. Unsere Ernteteiler kommen aus Lünen, Selm, Bork, Cappenberg, Waltrop, Datteln, Olfen und Nordkirchen.

Wir haben ganz klar gesagt, dass es auch um Umweltbildung und Wertschätzung dafür geht, wie viel Arbeit und Wissen nötig ist um nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben. Unsere Ernteteiler und die aktive Kerngruppe sind eine ganz bunte Mischung aus dem typischen Bioladen-Käufer, der bereits die Abokiste bezogen hat, Eltern mit Kindern, die ihren Kindern nahbringen wollen, woher die Möhren kommen, Manager, Steuerfachangestellte, Erzieher, Studierende oder Kaufmann, die alle ihre spezifischen Kompetenzen einbringen. Es sind Menschen zwischen 20-70 Jahren.

Wir alle wollen mit unserer Solawi Teil des notwendigen Bewusstseinswandels sein und sehen die Gefahr, wenn jeder nur noch sein Smartphone in der Hand hat, sich damit beschäftigt und die Realität nicht mehr wahrnimmt. Wir hingegen hoffen, dass die Leute es toll finden, zusammen zu arbeiten, Folientunnel aufzubauen, den Gemüseacker einzuzäunen, weil wir am Naturschutzgebiet sind und es natürlich auch viele Rehe und  Kaninchen gibt.  Und dann abends, nach getaner Arbeit,  zusammen zu sitzen und sich über die tolle Sache zu freuen, gemeinsam etwas geschafft zu haben.

 

 
 

InfoBox

Anne Reygers, Gärtnerin und Agrarbetriebswirtin aus Bork

 
  • Solidarische Landwirtschaft

    In einer Solidarischen Landwirtschaft – wie der Name bereits verrät – werden die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs auf mehrere private Haushalte aufgeteilt. Im Gegenzug erhalten diese privaten Haushalte den Ernteertrag. Neben der Solidarität sind der persönliche Bezug und eine marktunabhängige Landwirtschaft weitere, zentrale Motive einer Solawi.

    Nicht nur in Selm, sondern auch in anderen Städten hat sich eine Solawi organisiert. Wo genau, können Sie hier nachschauen.

  • The Forest Farmers – eine Kombination von Natur und Landwirtschaft

    The Forest Farmers bieten Landwirten, Organisationen, Kommunen oder Familien ihr Wissen und Beratung an, um produktive Anbausysteme durch regeneratives Agroforstdesign zu schaffen. Ihre Vision besteht darin, mittels der Kombination von Natur und Landwirtschaft eine Lösung zur Regeneration der natürlichen Ressourcen geschaffen wird.

    „Wir stellen uns eine Welt vor, in der degradiertes Land heilt, Wasser sauber und frisch fließt, in der die Landwirtschaft eine Quelle der Regeneration und die Bodenfruchtbarkeit die Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand ist. Natürliche Ressourcen werden wiederhergestellt und Lebensmittel in gesunden, reichhaltigen Ökosystemen im Einklang mit der Natur angebaut.“ (Die Vision von The Forest Farmers)

    Mehr Informationen zu Agroforstwirtschaft
  • Rat für Nachhaltige Entwicklung – Landwirtschaft, Flächennutzung und Bodenschutz

    Nicht nur für die Landwirtschaft ist der Boden und die Fruchtbarkeit dessen ein entscheidender Faktor, sondern auch für den Schutz von Luft, Klima und Artenvielfalt. Allerdings gehen mehr als 10 Millionen Hektar fruchtbares Land jedes Jahr weltweit für andere Nutzungszwecke verloren.

    Gründe für den Verlust an fruchtbarem und ökologisch vielfältigem Land sind u.a. Wüstenbildung durch den Klimawandel oder das Zubetonieren durch Straßen bzw. Siedlungen. Auch in der Agenda 2030 der UN ist ein eigenes Entwicklungsziel für Böden enthalten: Bis 2030 sollen die Landökosysteme wiederhergestellt und ihre nachhaltige Nutzung gefördert werden, die Wüstenbildung soll bekämpft werden, die Wälder nachhaltig bewirtschaftet und die Bodenverschlechterung und der Biodiversitätsverlust gestoppt werden.

    Mehr Informationen beim Rat für Nachhaltige Entwicklung

 

 

Fotos

Mit Anne Reygers auf ihrem Hof in Bork