Prof. Dr. Alfons Rinschede
 

Interview

Prodekan im Fachbereich Maschinenbau und Facilities Management der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und stellvertretender Kirchenvorstand in Selm-Cappenberg

 

Die Partnerschaft zwischen den katholischen Kirchengemeinden St. Johannes in Selm-Cappenberg und St. Peter Canisius in Busunu entstand 1998. Ich selber war 2002 das erste Mal in Ghana. In dem Jahr wurde das erste Projekt - die Errichtung einer Solaranlage - mit finanzieller Förderung vom Rotary Club Lünen/Werne umgesetzt. In 2002 schickten wir den ersten Container nach Busunu, gefüllt mit technischem Equipment für Brunnenbau und Solaranlagen. Alle technischen Mittel, wie beispielsweise die Module für eine Solaranlage, die wir nach Ghana geliefert haben, wurden bei uns in der Hochschule von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen getestet. In meinen Hochschulseminaren versuche ich die Projekte in Ghana im Sinne eines Technologietransfers vorzustellen und die Studierenden zu motivieren, sich hier zu engagieren. 

"Wir wollen ja keine Monokultur, sondern Interkultur."

Zum Beispiel arbeite ich mit Geographie-Informationssystemen, mit denen die Studierenden Busunu kartierten, was wiederum die Grundlage für die Verlegung der Wasserversorgung war. Aktuell sind wir gerade dabei, die Wasserversorgung aufrechtzuhalten, was sich als große Herausforderung herausstellt. Es gibt zwar genügend Regen, aber der Regen kommt sehr kompakt und unvorhersehbar. Eine tolle Möglichkeit für die Studierenden, ihr theoretisches Wissen an anderen Orten und damit anderen Wetterverhältnissen anzuwenden.  Für die Wasserversorgung gibt es momentan zwei Projekte, einmal über die katholische Kirche in Selm-Cappenberg und dann noch eine Projektpartnerschaft zwischen der Stadt Selm und der Gemeinde Busuno, die von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und vom Landesministerium gefördert wird. 

In 2005 bauten wir eine große Photovoltaik-Anlage auf, um einige Häuser wie die Schule und Kirche mit Licht zu versorgen. Das Licht konnten wir am ersten Advent erstmals anmachen, das war ein Highlight. Diese und andere Projekte begründen die enge Partnerschaft zwischen Selm und Busunu, die durch regelmäßige Besuche vor Ort von Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen der Hochschule gepflegt wird. 

Im Bereich regenerativer Energien haben wir nicht nur in Projekten gearbeitet, die sich mit Photovoltaik-Anlagen beschäftigen, sondern es ist auch die Idee entstanden, aus der Jatropha-Nuss (ursprünglich in Südamerika beheimatet) Öl zu generieren. Das war das Konzept "Busunu 2015". Wir wollten Öl für die Stromerzeugung des Generators aus der Jatropha-Nuss gewinnen und aus dem Presskuchen Pellets herstellen, die man für die Feuerstellen zum Kochen nutzen kann. Wir mussten die Farmer vom Anbau der Jatropha-Nuss-Bäume überzeugen und da ist einiges schief gelaufen in der Kommunikation. Wir haben bemerkt, dass wir zu schnell sind mit unseren Projekten und so haben wir erst mal  in unterschiedlichen Gruppierungen zunächst nur gesprochen. Wir haben gelernt, dass man nur humanitär helfen kann, wenn man mit der Offenheit in den Köpfen beginnt.

Wir wollen ja keine Monokultur, sondern Interkultur. Das bezieht sich nicht nur auf den Anbau von Pflanzen, sondern auch darauf, dass wir eine interkulturelle Partnerschaft zwischen Selm und Busunu ausbauen, fördern und aufrechterhalten.

Zeitgleich haben wir einen jungen Mann in Busunu im Laufe von zwei Jahren zum Elektriker ausgebildet, der jetzt die technischen Anlagen wartet und repariert.

Wir fangen jetzt gerade eine neue Kooperation mit der Fachhochschule in Tamale an. Die ghanaische Regierung möchte unser Fachhochschulsystem auf die dortigen "Technic Schools" übertragen. Das Ziel des ghanaischen Bildungsministeriums  ist, mehr für die Praxis auszubilden.

Eine weitere Angelegenheit, die sich als wichtig herausgestellt hat, ist der Umgang mit Abfall. Das ist auch mein Arbeitsschwerpunkt an der Hochschule: Abfall, Abfallmanagement und Entsorgungslogistik. Für die beiden Bereiche, regenerative Energien und Abfallentsorgung, möchten wir ein Bildungszentrum in Busunu aufbauen, um die Menschen in Busunu für nachhaltige Entwicklungen zu sensibilisieren. Auch für den Kreis Unna ist Abfallmanagement ein zentrales Thema, für das wir durch die Hochschul-Aktivitäten das Bewusstsein stärken möchte. Mülltrennung beispielsweise ist so wichtig, aber weder hier noch dort für jede*n selbstverständlich.
 
Der Aufbau regenerativer Energien und eine nachhaltige Abfallentsorgung zählen zum roten Faden, der sich  durch die Projektarbeit zieht. Mit den genannten Projekten möchte ich zeigen, dass man die Chance hat, zu helfen und dass man etwas verändern kann. Unseren Studierenden wird durch die Projekte in Busuno deutlich, dass sie mit Hilfe ihres theoretischen Hochschul-Wissens etwas praktisch umsetzen können und so nachhaltige Veränderungen bewirken können. Die Studierenden leisten so einen interkulturellen Technologietransfer und eine bedeutende Entwicklungszusammenarbeit. Es begeistert mich zu sehen, wie engagiert die Studierenden aus der Region mitarbeiten. 

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die unterschiedlichen Menschen, Gruppen und Vereine im Kreis Unna enger zusammenarbeiten und sich vernetzen. Dass man mittels gemeinschaftlichen Projektmanagements zu weiteren Projekten sowohl in der Stadt Selm, aber auch im gesamten Kreis Unna anregt, so dass der Blick auf die Bedeutung regenerativer Energien und Abfallentsorgung geschärft wird. Ein weiterer positiver Effekt, den ich mir durch eine Zusammenarbeit erhoffe, ist, dass eine Art ‚Wir-Gefühl' in der Stadt und im Kreis Unna entsteht.

 

 
 

InfoBox

Prof. Dr.-Ing. Alfons Rinschede ist Professor im Fachbereich Maschinenbau und Facilities Management, Leiter am "Zentrum Entsorgungswirtschaft" und Direktor des Instituts "demand logistics" an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen. Er arbeitet im Rahmen einer Partnerschaft zwischen Selm und Busunu (Ghana), dessen Ziele die dezentrale Energieversorgung, Wasserversorgung und Selbstverwaltungsstrukturen im Dorf sind.

 
 
 
  • Kommunale Entwicklungszusammenarbeit zwischen Selm und Busunu

    Entstanden ist der Kontakt mit der katholischen Kirchengemeinde St. Peter Canisius in Busunu über die St.-Johannes-Kirchengemeinde im Selmer Ortsteil Cappenberg (1998), gesponsert wird das Projekt von den Rotariern in Lünen. Seit 2007 existiert zudem ein Partnerschaftsabkommen zwischen Ghana und Nordrhein-Westfalen. Seitdem wurden fünf Projekte mit dem Schwerpunkt der regenerativen Energieerzeugung in Busunu durchgeführt. Nun hat das Dorf eine kleine Biogasanlage, eine Photovoltaikanlage und ein Stromnetz, an das rund 150 Haushalte angeschlossen sind. Für den Erhalt sollen Selbstverwaltungsstrukturen im Dorf langfristig aufgebaut und im Dorf gemeinsam mit den Bürgern umgesetzt werden.

    Mehr über die Zusammenarbeit hier.

    Das Projekt arbeitet für ein unabhängiges Energie- und Wasserversorgungssystem im Dorf Busunu in Nord-Ghana: Die Sonne und eine Wolfsmilchnuss machen das Dorf unabhängig von überörtlichen Versorgungsnetzen und bringen Bildung und bescheidenen Wohlstand nach Busunu.

    Mehr zum Projekt hier.

  • Die Jatropha-Nuss

    Ein interessanter Beitrag zur Jatropha-Nuss, die zur Energiegewinnung neben Solarenergie verwendet werden kann. Prof. Dr. Rinschede will damit einen Spezial -Motor für Stromgeneratoren antreiben, mit dem das Dorf unabhängig von industrieller Ölraffinade ist.

    Zusätzlich wird der Presskuchen der Samen fermentiert, wobei Biogas entsteht, das in Busunu demnächst als Kochgas Verwendung finden wird und damit teures Brennholz ersetzt.

    Mehr zur Jatropha-Nuss und dem Prozess in einem Beitrag der Deutschen Welle.

  • Westfälische Hochschule Gelsenkirchen, Bocholt, Recklinghausen

    Die Westfälische Hochschule, die am 1. August 1992 gegründet wurde, ist eine Fachhochschule in NRW. Sie besteht aus dem Hauptsitz in Gelsenkirchen sowie den Standorten in Bocholt, Recklinghausen und Ahaus. Zu den Fachbereichen zählen Maschinenbau und Facilities Management, Elektrotechnik und angewandte Naturwissenschaften, Informatik und Kommunikation, Wirtschaft und Informationstechnik, Maschinenbau, Wirtschaftsrecht sowie Wirtschaftsingenieurwesen. Die Fachhochschule hat also ein technisch-naturwissenschaftlich-ökonomisches Profil, ergänzt durch Studiengänge aus dem Bereich Recht und Journalismus/Public Relations.

    Von Mai 2005 bis November 2009 war an dieser Hochschule der UNESCO-Lehrstuhl "UNESCO Chair for Entrepreneurship and Intercultural Management" beheimatet. Es war der erste UNESCO-Lehrstuhl für eine FH in Deutschland und der einzige an allen Hochschulen Nordrhein-Westfalens. Mit dem Lehrstuhl sollte ein noch intensiverer Wissenstransfer mit ausländischen Hochschulen erreicht werden.

    Website der Westfälischen Hochschule.

 
 

 

Fotos

Entwicklungszusammenarbeit zwischen Selm und Busunu