Dr. Ulrich Weber
 

Interview

Dr. Ulrich Weber, Koordinator der Lüner Initiative gegen Globale Armut (LIGA)

 

Die LIGA Lünen ist gerade 10 Jahre alt geworden. Das Herzstück ist das Netzwerk aus insgesamt 40 Organisationen: Kirchen- und Moschee-Gemeinden, die Stadtverwaltung, die Verbraucherzentrale, manche Unternehmen, Bildungseinrichtungen wie die VHS und weiterführende Schulen, Organisationen, die im Bereich Geflüchtete und Integration engagiert sind, Sportvereine, das Frauennetzwerk - also eine große und vielfältige Gruppe. Dieses Netzwerk ist unser Fundament, es ist die Voraussetzung dafür, dass wir mit unserer Arbeit vor Ort Erfolg haben und unseren Anliegen Gehör verschaffen können. Von Beginn an war ich von dem Sachverstand und dem Engagement der Mitglieder positiv beeindruckt: "Alle zusammen können wir viel bewegen!", dachte ich. 

Das Ringen um globale Gerechtigkeit fängt im eigenen Haushalt an.

Unsere gemeinsamen Aktionen und Veranstaltungen leiten wir aus der Frage ab, welchen Beitrag wir von Lünen aus zur Verbesserung der Lage der benachteiligten Menschen in ärmeren Ländern ein Stück weit leisten können. Aus diesen Überlegungen ergeben sich dann unsere Anstrengungen dafür zu werben, unseren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern und unseren Lebensstil zu ändern.

Ein wichtiges gemeinsames Anliegen und große Aufgabe zugleich ist die Änderung unseres Lebensstils. Wenn es nicht gelingt, unseren Lebensstil hier zu ändern, dann werden ärmere Länder keine Entwicklungsperspektive haben. Und wenn man merkt, dass wir da tatsächlich einen Schritt weiterkommen, dann ist das ein gewaltiger Satz nach vorne!

Über welche Handlungsmöglichkeiten verfügen wir nun vor Ort? Zum Beispiel beim Einkaufen - der Faire Handel hat in Lünen jährlich zweistellige Zuwachsraten - oder bei den Essgewohnheiten - wir werben in der Stadt für mehr vegetarische Kost und dem bewusstem Umgang mit Ressourcen. Ich empfinde es als einen Skandal, dass wir jährlich bereits im August, am sogenannten “Erdüberlastungstag” (der Tag im Jahr, an dem der aktuelle Verbrauch an natürlichen Ressourcen die Kapazität des Planeten zur Regeneration übersteigt) alles „verfrühstückt“ haben, was sich noch wiederherstellen lässt. Danach leben wir jedes Jahr auf Kosten zukünftiger Generationen bzw. armer Länder. Wir geben praktische Tipps, wie sich durch Reparieren, Wiederverwenden, gemeinsames Nutzen oder Recyceln der Ressourcenverbrauch verringern lässt. Das Ringen um globale Gerechtigkeit fängt im eigenen Haushalt an.

Mit unserer Hilfe hat die Stadt schon viel erreicht, zum Beispiel wurde Lünen der Titel als „Fair-Trade-Stadt“ zuerkannt und die Titelvergabe wurde auch schon zweimal bestätigt. Unser Augenmerk liegt gerade auf dem fairen Beschaffungswesen im öffentlichen Dienst und bei Großorganisationen. Es gibt mit dem Tariftreuegesetz eine gesetzliche Vorgabe und sogar eine Dienstanweisung, bei Beschaffungen soziale und ökologische Kriterien zu beachten. Faktisch hat sich aber in den letzten 10 Jahren an den Beschaffungsvorgängen in Lünen nichts geändert. Als Gründe werden Kostennachteile und zusätzlicher bürokratischer Aufwand genannt. Hinzukommen sicherlich noch die fehlende Bereitschaft, alte Gewohnheiten aufzugeben und sich auf Neues einzulassen. Wir werden uns bemühen, diese Hindernisse überwinden zu helfen. Es gibt jetzt ein erstes positives Zeichen. Vor ein paar Wochen hatten wir ein ermutigendes Gespräch mit dem Chef der Feuerwehr und einem ihrer Beschaffer, die zugesagt haben, bei einer der nächsten Ausschreibungen auch Kriterien der Nachhaltigkeit vorzugeben.

Mehr Einsatz für den fairen Handel erwarte ich in Lünen allerdings von einigen „Großen“ in der Lebensmittelbranche. Die größte Lüner Bäckerei, das größte Cateringunternehmen, der größte Getränkegroßhandel haben trotz wiederholter Bitten bisher noch keine fairen Produkte im Sortiment. Und die beiden Steinkohlekraftwerke Trianel und Steag beziehen immer noch Kohle aus Kolumbien- zulasten der indigenen Bevölkerung und der Umwelt. Das Prinzip der Nachhaltigkeit wird hier mit Füßen getreten.  

Die Zivilgesellschaft hat in Lünen bereits einiges auf den Weg gebracht. Aber die Frage ist nicht immer nur, was der Einzelne, sondern was Politik beitragen kann für eine wirklich nachhaltige Entwicklung. Bei der Rolle der Politik bin ich zunehmend ernüchtert. Wenn man in Sachen Nachhaltigkeit wirklich weiterkommen will, dann müssen die politischen Rahmenbedingungen verändert werden. Wir brauchen klare, verbindliche, gesetzliche Regelungen, um Verstöße bei Umweltschäden oder gegen Menschenrechte mit Sanktionen ahnden zu können.

Mein Begriff von Nachhaltigkeit besagt: Wir müssen dahin kommen nur von den Erträgen zu leben und nicht von der Substanz. Wer gegen diesen Grundsatz verstößt, stellt die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft infrage. Für uns heißt das, dass man auf die Bekämpfung von Armut und die Einhaltung planetarischer Grenzen achten muss, dass man also Entwicklung und Umwelt immer als Paar gemeinsam sehen muss.

Eine wichtige Herausforderung auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit wird bei uns in Lünen wie überall auf der Welt die Umsetzung der Agenda 2030 sein. Mit dieser Agenda einigte sich ja die internationale Gemeinschaft im Jahr 2015 auf einen umfangreichen Orientierungsrahmen für nachhaltige Entwicklung. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist eine Unterstützung von der lokalen Ebene her wichtig. Denn Weichen in Richtung auf nachhaltige Mobilität, Gesundheit, Energie, Schulen, Kitas etc. und auch in Richtung auf einen nachhaltigen Lebensstils werden auf kommunaler Ebene gestellt. Der Rat der Stadt Lünen hat vor kurzem einstimmig beschlossen, die Agenda 2030 mitzugestalten und sich verpflichtet „ sich für nachhaltige Entwicklung konkret zu engagieren und eigene Maßnahmen nach außen deutlich zu machen.“ Nachhaltigkeit muss daher eine grundsätzliche Messlatte für alle Politikfelder in der Stadt  werden und muss als Querschnittsaufgabe angegangen werden. Soll die Agenda 2030 effektiv in Lünen verankert werden, so gehören sicherlich kommunale Handlungsprogramme und Nachhaltigkeitsberichte dazu. An dieser Diskussion wird sich die LIGA beteiligen.

Mit der LIGA haben wir schon viel erreicht und wir sind immer wieder auch an weltweiten Aktionen beteiligt. Damit die Arbeit weiter gehen kann, brauchen wir Leute, die mitmachen. Vor allem junge Leute!

 

 
 

InfoBox

Dr. Ulrich Weber, Sprecher der LIGA Lünen

Lüner Initiative gegen Globale Armut: ein Netzwerk von Organisationen und Initiativen aus Lünen für eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen in ärmeren Ländern.

LIGA Lünen  ist ein Netzwerk von ca. 40 Organisationen und Initiativen aus Lünen, die sich für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von Menschen in armen Ländern engagieren. Ausgangspunkt der Arbeit von LIGA ist die Überlegung, welchen Beitrag LIGA von Lünen aus zur Verbesserung der Lage der besonders benachteiligten Menschen in Entwicklungsländern leisten kann. LIGA engagiert sich für die Verwirklichung der UN-Millenniumsentwicklungsziele sowie die Ausweitung des Fairen Handels.

Website LIGA

 
 
 
  • Das Netzwerk der LIGA

    Eine starke Vernetzung und eine enge Zusammenarbeit mit Netzwerken aus der Region sind eine wichtige Grundlage für die Arbeit der LIGA. Alle Mitglieder, Organisationen und Initiativen, die sich im Netzwerk engagieren sind hier aufgelistet.

    Flyer "Liga Flyer Übersicht 2016"

  • Lünen als Fairtrade-Stadt

    Fairtrade-Städte fördern gezielt den fairen Handel auf kommunaler Ebene und sind das Ergebnis einer erfolgreichen Vernetzung von Personen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft, die sich für den fairen Handel in ihrer Heimat stark machen.

    Website der Kampagne Fairtrade-Towns und die Stadt Lünen.

    Einkaufsratgeber LIGA Lünen

  • Milleniumsziele der Staatengemeinschaften der Vereinten Nationen

    LIGA will im Rahmen ihrer Möglichkeiten einen eigenen Beitrag leisten, die Millenniumsziele zu erreichen und sich so an der weltweiten Kampagne beteiligen. LIGA will mit ihren Aktivitäten u.a. dazu beitragen, das Bewusstsein für die Armutsprobleme zu stärken, Druck auf die Politik auszuüben, die eingegangenen Verpflichtungen auch einzuhalten und mit direkten Maßnahmen in den armen Ländern beim Abbau der Armut zu helfen.

    Millenniumsentwicklungsziele BMZ

    Millennium Development Goals UN

  • Hunger im Überfluss: Weniger Fleisch ist fair

    Für 1 Kilo Rindfleisch werden 16 kg Getreide und Soja verfüttert, 250km mehr Treibhausgase erzeugt als bei einer 250km Autofahrt, 20.000 Liter Trinkwasserverbraucht und 50qm Regenwald vernichtet.

    Diese Daten verdeutlichen, welche gravierenden Auswirkungen unser Fleischkonsum auf unsere Umwelt hat. Ergänzend dazu, 5 Gründe für Genuss ohne Fleisch:

    1. Nahrungsmittelsicherung
    Die Soja- und Maisimporte, aus denen Futtermittel vorwiegend bestehen, kommen zu großen Teilen aus Entwicklungs- und Schwellenländern und werden dort zur Versorgung der eigenen Bevölkerung benötigt. Durch den erhöhten Bedarf an Futtermitteln wird fruchtbarer Boden knapp. Mit einem vegetarischen Tag pro Woche könnten jährlich acht Millionen Menschen zusätzlich ernährt werden.

    2. Klimaschutz
    Eine Studie der Vereinten Nationen zeigt, dass die globale Tierhaltung 18% der treibhauswirksamen Gase verursacht, mehr als der weltweite Verkehrssektor. Ein deutschlandweiter vegetarischer Tag pro Woche entspräche einer jährlichen Einsparung der Klimagase von sechs Millionen Autos.

    3. Ethik und Tierschutz
    Im Laufe seines Lebens isst jede*r Deutsche durchschnittlich 1.094 Tiere (Fische und andere Meerestiere noch nicht inbegriffen). Durch einen bundesweiten vegetarischen Tag müssten jährlich über 140 Millionen Tiere weniger gezüchtet und geschlachtet werden. Diesen Tieren würde damit auch das Leid bei der Haltung, Aufzucht und der Schlachtung erspart bleiben.

    4. Gesundheit
    Jede*r Bundesbürger*in isst im Schnitt mehr als 1,2kg Fleisch pro Woche. Empfohlen werden max. 300-600g. Ganz vegetarisch lebt es sich sogar am gesündesten.

    5. Genuss
    Das Sortiment vegetarischer Produkte ist längst den Kinderschuhen von Salat und Tofu entwachsen und hält viele großartige Geschmackserlebnisse bereit.

    Flyer der LIGA 'Hunger im Überfluss'

  • Der 'Ökologische Fußabdruck'

    Angesichts des Klimawandels, der Zerstörung und ungerechten Verteilung von Rohstoffen auf der Welt wollen viele Menschen verantwortungsbewusst mit natürlichen Ressourcen umgehen. Das setzt voraus, den eigenen Ressourcenverbrauch zu kennen. Mit dem Ökologischen Fußabdruck kann der Verbrauch von natürlichen Ressourcen durch den Menschen gemessen und den auf der Erde verfügbaren Ressourcen gegenübergestellt werden. Vier Bereiche bilden den ökologischen Fußabdruck: Mobilität, Konsum, Ernährung und Wohnen.

    Hier kann man einen Fußabdruck-Test durchführen, um seinen eigenen Ökologischen Fußabdruck abzuschätzen. Außerdem erfährt man einfach Tipps, um seinen Fußabdruck zu verringern.

    Flyer der LIGA Fussabdruck Kampagne

  • Weniger ist fair - Handlungshilfe für Bürgerinnen und Bürger

    Im folgenden Flyer hat die LIGA wichtige und einfache Alltagstipps sowie Orte und Anlaufstellen zusammengefasst, um seinen Ressourcenverbrauch zu verringern. Das Motto lautet: Weniger Ressourcen zu verbrauchen und dennoch nicht zu verzichten, geht häufig zusammen. Weniger ist fair!

    Flyer ‚Weniger ist fair - Handlungshilfe für Bürgerinnen und Bürger'

  • Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

    Unter dieser Agenda fallen die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Die Staatengemeinschaft spricht sich dafür aus, dass globale Herausforderungen nur gemeinsam lösbar sind. Die Agenda dient dazu, weltweiten wirtschaftlichen Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen ökologischer Grenzen der Erde zu gestalten. An der Entwicklung der Agenda war v.a. die Zivilgesellschaft beteiligt und stellt einen Meilenstein in der jüngeren Geschichte der Vereinten Nationen dar.

    Ziele der Agenda 2030

  • LIGA - eine zukunftsfähige Welt bis 2030

    Das ist der Titel des Kampagnenflyers der LIGA Lünen. Zu einer zukunftsfähigen Welt zählt auch, dass nicht weitergemacht wird, wie bisher. Basis dafür ist die Agenda 2030 und die dazu gehörigen 17 nachhaltige Entwicklungsziele. Auch Wilhelm Kanne jun., einer unserer vorgestellten Protagonisten und Geschäftsführer der Firma Kanne, äußert sich und betont die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit, um für zukünftige Generationen ein Leben in einer intakten Umwelt zu ermöglichen.

    Informations- und Kampagnenflyer der LIGA Lünen: Eine zukunftsfähige Welt bis 2030

 
 

 

Fotos

Koordinierungstreffen der LIGA Lünen